Wiedervernässung und Pseudomoore

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Aktuell haben Öko-Themen wie Agrarpolitik und Flächenverbrauch Konjunktur. Dabei geht es letztlich ganz klassisch um den Urkonflikt zwischen Umweltbelangen und Wirtschaftsinteressen, bzw. allgemeiner um die Daseinsvorsorge für die Bevölkerung. Dabei hat auch das Thema "Moor" inzwischen einen hohen politischen Stellenwert.

Ein typisches Argument der Umweltverteidiger ist dabei die angebliche globale Wichtigkeit der deutschen Moore, unter anderem in Sachen Treibhausgase und Klima, der alles andere untergeordnet werden muss. Als Laie stutzt man bei solch einer Aussage, da es in Deutschland nur noch recht wenige intakte Moore gibt, die sicher ihre Daseinsberechtigung haben und ohnehin geschützt sind. Sie haben auch sicher ihre lokale und regionale Bedeutung, aber im globalen Vergleich sind sie schlichtweg vernachlässigbar.

Worauf zielt also diese eigenartig überzogene Sichtweise der öffentlich geführten Ökodiskussion ab? Möchte man mit diesem überzogenen "Totschlagargument" vom deutschen Supermoor und seiner globalen Wichtigkeit bereits im Vorfeld jegliche Überlegungen hinsichtlich anderer "Nutzungen" solcher Flächen im Keim ersticken?

Wenn der Laie nun wieder stutzt, was man denn von unseren wenigen intakten Mooren in diesem Zusammenhang will, dann stellt sich heraus, dass es um bestehende intakte Moore meistens gar nicht geht.

Der Gegenstand der Begierden sind vielmehr die Flächen, die vor langer Zeit einmal nasse Moore waren, z.B.:

  • Seit langer Zeit (z.T. über hundert Jahre) kultivierte landwirtschaftliche Flächen, die sehr unterschiedlich genutzt werden in Form intensiver, extensiver oder ökologisch ausgerichteter Bewirtschaftung.
  • Schon vor langer Zeit (mehrere Jahrzehnte oder länger) aus der Nutzung (z.B. für Rohstoffgewinnung) genommene Flächen mit verfallenem Entwässerungssystem und einem durch spontane Renaturierung entstandenen umfangreichen Bestand an funktionierenden naturnahen Ökosystemen und Biotopen (z.B. die Filzen in den Chiemseemooren).

Solche Flächen haben mit einem intakten Moor ursprünglicher Prägung nicht mehr viel zu tun. Das mag Mancher bedauern, es ist aber nun mal Tatsache. Zumindest in früheren Zeiten wurden Moore aus existenziellen Notwendigkeiten heraus zur Versorgung der Bevölkerung genutzt und kultiviert.

Der Sinn für solche Sachzwänge geht in unserer eher "virtuell orientierten" Gesellschaft zunehmend verloren und es werden Feindbilder, z.B. in Richtung Landwirtschaft als Zerstörer unserer Welt, aufgebaut: Die Landwirtschaft reagiert letztlich aber nur auf das überzogene Anspruchsdenken unserer Gesellschaft, die sich zum seelischen Ausgleich dann einer streckenweise realitätsfernen und abgehobenen "Ökopolitik" hingibt.

Im Fall der ehemaligen Moore ist das u.a. daran zu erkennen, dass man entgegen der unterschiedlichsten Gegebenheiten und Zustände solcher Moorflächen diese nun einer undifferenzierten "Wiederbelebungsprozedur", der sog. "Wieder- oder Rückvernässung", unterwirft und behauptet, irgendwann in hundert oder mehr Jahren würden hier wieder Moorparadiese entstehen. Teile der Fachwelt bezweifeln seit langem das Funktionieren und den ökologischen Wert eines solchen nostalgisch rückwärtsgewandten Ansatzes, u.a. weil solche Böden zu stark verändert worden sind (z.B. durch einen sehr hohen Nährstoffgehalt) und aufgrund vieler Aspekte eben nicht mehr "moorgerecht" funktionieren können. Ein weiterer Aspekt ist der heraufziehende Klimawandel, der mit möglichen längeren Trockenphasen auch heute noch intakte Moore und Feuchtgebiete unabweisbar verändern wird.

Ob mit dem Vorgang der Wiedervernässung tatsächlich "Naturschutz" in Sinne der Bewahrung noch existierender Ursprungslandschaften betrieben wird, darf also gelinde gesagt bezweifelt werden. Ehrlicherweise sollte man diese Vorgehensweise als Hau-Ruck-Landschaftsumgestaltung mit offenem Ausgang bezeichnen und bei den so gewonnenen Flächen von Pseudo- oder Scheinmooren sprechen, die einem weit verbreiteten Torfmoosfetischismus huldigen. Problematisch ist dabei vor allem, dass mögliche Nachteile für die ortsansässige Bevölkerung kleingeredet werden, bzw. dem angestrebten Moor Eigenschaften nachgesagt werden, die bei genauerer Betrachtung nicht haltbar sind und schon gar nicht auf den jetzigen Zustand der wiedervernässten Flächen zutreffen.

Obwohl ein frisch bis zur Geländeoberfläche unter Wasser gesetzter Acker recht wenig mit einem intakten, d.h. lebenden Moor mit seinen spezifischen Stoff- und Lebenskreisläufen zu tun hat, wird genau diese Ansicht unverdrossen verbreitet bis hin zu der Aussage, dass der nasse Acker bereits heute all die angeblich so herausragenden Eigenschaften lebender Moore hat, die sich mit viel Phantasie vielleicht erst in zweihundert Jahren entwickeln - wenn der Klimawandel nichts dagegen hat. Bzgl. der Methan-Problematik dieser angeblich so ökologischen Vorgehensweise wird dabei komplett geschwiegen.

Die angestrebten nostalgisch orientierten Kunstlandschaften finden dabei eben kein natürliches Gleichgewicht mehr, sondern bedürfen eines permanenten "Managements".

Der letzte Rest von Sinnhaftigkeit solcher Pauschalaktionen geht aber verloren, wenn bereits bestehende, an geringere Wasserstände angepasste Naturräume durch Wiedervernässung gezielt zerstört werden. Selbst wenn sich darin Arten tummeln, die auf der "Roten Liste" stehen und nun vertrieben werden.

Dabei müsste man es sich zweimal überlegen, ob seit Jahrzehnten spontan entwickelte und damit funktionierende Naturlandschaften angesichts der Dringlichkeit unserer Umweltprobleme mir nichts dir nichts so einfach zerstört werden dürfen. Dazu zählen Moorwälder und Moorheide, wie beispielsweise in den Südlichen Chiemsee- Mooren.

Wenn schon angeblich Landschaftsumbrüche notwendig sind, dann sollten sie "zukunftsfähig" sein und nicht rückwärtsgewandt in Richtung eines überidealisierten Bildes vom Moor. Insbesondere sind einschlägige Maßnahmen angesichts des unabweisbar heraufziehenden Klimawandels auch im Hinblick auf die konkrete Daseinsvorsorge für die Bevölkerung auszulegen, z.B. Teilnutzung, Hochwasserschutz durch Schaffung effektiver Rückhalteflächen in ehemaligen Moor-Arealen und Vermeidung von Methanemissionen.

Existierende intakte Moore sind liebens- und schützenswerte Landschaften, auch wenn deren Umweltbilanzen bei weitem nicht so gigantisch positiv sind, wie es von der Ökoszene gerne dargestellt wird. Aber im Hinblick auf die durch Wiedervernässung künstlich installierten Pseudomoore darf angemerkt werden, dass es im Hinblick auf eine moderierende Klimawirksamkeit wesentlich effektivere Landschaftsformen gibt. Dies gilt insbesondere für Wälder und Moorwälder, die sich an vielen Stellen auch wegen des Klimawandels aus früheren Mooren schon spontan gebildet haben und tatsächlich einen weitergehenden Umweltnutzen als z.B. die hypothetischen Hochmoore aufweisen.

Auch für angeblich überflüssige landwirtschaftliche Flächen auf früherem Moorgrund wird von Teilen der Fachwelt daher eine Umwandlung in Richtung Moorwald vorgeschlagen (z.B. in den Chiemseemooren). Dies würde wesentlich schneller einen Erfolg zeitigen als die problematische Wiedervernässung, was angesichts der Dringlichkeit der Klima- und Umweltthematik durchaus ein entscheidender Faktor sein sollte.

Zitat:

Wir müssen uns daran gewöhnen, dass sich unsere Landschaft verändert. Im Vergleich zur Änderung durch Melioration, Nutzungsintensivierung, Abbau, Industrie- und Siedlungsentwicklung sowie Verkehr ist die Entwicklung von offenen Moorflächen ... zu Moorwäldern im Allgemeinen kaum negativ zu beurteilen.

Giselher Kaule/Institut für Landschaftsplanung, Universität Stuttgart. "Management von Mooren für den Naturschutz?" Telma Bd. 8/1978 S. 197.

Zu ergänzen wären heute die unabweisbaren Veränderungen durch den Klimawandel, der in seinem Umfang vor 40 Jahren noch gar nicht erkannt wurde.

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