Die Urbarmachung der Südlichen Chiemseemoore

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Existenzzwänge und Moorkultur

Allein in den Jahren 1840 bis 1914 nahm die Bevölkerung im Deutschen Reich von 24 Millionen auf 65 Millionen Einwohner zu. Auf Grund des raschen Bevölkerungswachstums entstand ein deutlicher Siedlungsdruck, bzw. ein wachsender Bedarf an landwirtschaftlichen Produkten, der seinerzeit nur durch Ausweitung von Kulturland aufgefangen werden konnte. Preiswerter Kunstdünger oder geeignete Bodenbearbeitungsverfahren zur Steigerung der Flächenproduktivität waren noch nicht im nötigen Umfang gegeben. Die Erschließung von Ödland, also auch von Moorflächen, war damit seinerzeit eine alternativlose Zwangsläufigkeit, um die einfachsten Lebensgrundlagen zu sichern.

Zwar wurden in Bayern bereits im 18. Jahrhundert staatlich organisiert die fruchtbareren Niedermoore mit ihren mineralhaltigen und wenig sauren Böden, wie z.B. das Donaumoos, urbar gemacht.

Aber an Hochmoore wollte man nicht so richtig heran. Grund war das mangelnde Verständnis für die spezielle Bodenchemie der nährstoffarmen und sehr sauren Hochmoorböden. Die Holländer hingegen waren schon recht früh mit ihrer Fehnkultur und ihren Kolonisationsstrukturen bei der Erschließung großer Moorflächen sehr erfolgreich. Sie nahmen einen weitgehenden Bodenaustausch vor und erzeugten durch Vermischen von Moorund Mineralböden ein sehr fruchtbares Substrat.

Aber dieses Know-how diffundierte nur sehr allmählich in deutsche Gefilde. Allerdings entwickelten sich die Naturwissenschaften seit dem 19. Jahrhundert in einem ungeahnten Tempo. In diesem Zeitraum wurden erhebliche Fortschritte in der Bodenkunde erzielt und damit ein tieferes Verständnis für eine erfolgreiche Landwirtschaft gefunden. Deshalb rückten bisher unfruchtbare Hochmoorflächen doch wieder vermehrt in den Fokus der Kulturlandgewinnung.

Zur Optimierung der Moorbodenkultivierung wurden zuerst in Norddeutschland sog. Moorversuchsstationen eingerichtet, die als Agrar-Labore die Techniken und Verfahren der Moorbewirtschaftung weiterentwickeln und an die Landwirte vermitteln sollten. In Deutschland ist hier an erster Stelle die Moorversuchsstation Bremen zu nennen, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet wurde und deren Nachfolgeorganisationen heute noch aktiv sind.

Im Zeitraum 1891-1929 wurde die Bremer Station von Prof. Bruno Tacke geleitet. Dieser führte umfangreiche Untersuchungen und Studien zum Thema Moornutzung durch. Dies nicht nur unter technisch-wissenschaftlichen Aspekten, sondern auch im Hinblick auf den volkswirtschaftlichen Nutzen.

Die vielfältigen Publikationen von Prof. Tacke vermitteln auch heute noch die Aufbruchsstimmung und den Pioniergeist, der seinerzeit zu den Innovationsthemen Moor und Torf herrschte und dies nicht nur auf regionaler Ebene, sondern weltweit.

Frühe Moorkultur am Chiemsee

Die Signale einer sich rapide verändernden Bedarfslage bzgl. Kulturflächen und Rohstoffen drangen nun auch bis in bayerische Gefilde vor. Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts konkretisierten sich Pläne, die Voralpenhochmoore einer systematischen Nutzung zuzuführen. Als wesentliche Voraussetzung hierfür erstellte Prof. Anton Baumann im Jahr 1896 die bekannten Bodenkarten mit detaillierten Angaben zum Aufbau der Böden in den Südlichen Chiemseemooren.

In Bernau am Chiemsee wurde die Moorkulturstation nach dem Bremer Vorbild eingerichtet. Die einschlägigen Aktivitäten in Sachen Moorkultivierung waren hier verknüpft mit den Namen Prof. Anton Baumann, Dr. Eugen Gully und Dr. Hermann Paul.

Bereits damals bestand offensichtlich das Problem eines zunehmenden Arbeitskräftemangels in der Landwirtschaft. Als Folge der zunehmenden Industrialisierung wanderten einheimische Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft in die Städte ab und wurden damals schon u.a. durch Polen, Slowenen, Russen, Ruthenen (Ukrainer) und Italiener ersetzt.

Einen Ausweg aus diesem Dilemma sah man bei der Urbarmachung der Chiemseemoore wieder im Einsatz von Strafgefangenen (siehe "Mitteilungen der K. Bayr. Moorkulturanstalt 1908"). Interessanterweise ging damals bei den Fachleuten die Angst um, dass Bayern auch noch die Strafgefangenen ausgehen, weil solche auch in den damals noch vorhandenen deutschen Kolonien eingesetzt werden sollten.

Zur Unterbringung der Gefangenen wurde das Moorgefängnis in Bernau angelegt. Es war dabei ursprünglich vorgesehen, das Gefängnis nach Abschluss der Arbeiten zur Kultivierung und Ausbeutung der Südlichen Chiemseemoore in andere Moorregionen weiter zu verlegen.

Aufgaben der Moorkulturstation Bernau waren:

  • Ermittlung optimaler Bewirtschaftungsmethoden der Hochmoorflächen,
  • kostenfreie Bereitstellung geschulter Mitarbeiter zur beratenden Unterstützung der Landwirte,
  • Bereitstellung von Kulturgeräten auf Leihbasis,
  • kostengünstige Beschaffung von Dünger und Saatgut für die Landwirte.

Ähnlich wie in Norddeutschland sollten Hochmoorböden mit möglichst wenig Aufwand durch intensive Düngung des vorhandenen nicht abgetorften Moorbodens einer Nutzung zugeführt werden (sog. Deutsche Hochmoorkultur).

Der anderweitig häufig praktizierte, aber aufwendige Bodenaustausch bzw. Aufbau eines Mischbodens durch Einbringen von erheblichen Mengen von Lehm und Sand in den Moorboden war nicht vorgesehen.

Die erste Maßnahme der Urbarmachung war die kontrollierte Entwässerung der Moorflächen. 1904 wurde übrigens auch der Pegel des Chiemsees um einen knappen Meter abgesenkt, was die "Feuchtigkeitslage" in der Umgebung generell entschärfte und u.a. zur Gewinnung ausgedehnter Flächen bei Grabenstätt führte.

Der Grundwasserpegel im Moor wurde aber nicht auf Biegen und Brechen unbesehen maximal abgesenkt. Vielmehr sollte der Grundwasserpegel in den Moorkulturflächen über den Jahresverlauf kontrolliert auf einem weitgehend konstanten Niveau von ca. 60-100 cm unter der Erdoberfläche gehalten werden, um den Wurzelraum der Ackerpflanzen bzw. Wiesen und Weiden einerseits zuverlässig feucht, aber auch gut durchlüftet zu halten. Staunässe war unbedingt zu vermeiden.

Dies erforderte steuerbare Verschlüsse in den Entwässerungsgräben, die durchgehend zu kontrollieren und je nach Bedarf einzustellen waren. Nur so konnte ein Ausgleich von winterlichem Wasserüberschuss einerseits und sommerlichen Trockenperioden andererseits erreicht werden. Das Hochmoor ist wegen seiner sehr begrenzten Speicher-/Schwammwirkung von sich aus dazu eben nicht in der Lage.

Das oberflächliche Bodengefüge besteht im Hochmoor weitestgehend aus organischem Fasermaterial (Torf) mit einem ungewöhnlich hohen Volumenanteil an Poren (bis zu 90% des Moorkörpers). Die eigentliche Bodenerschließung und -verbesserung begann mit der Entfernung der ursprünglichen Vegetation. Dies erfolgte mechanisch oder durch parzellenweises Abbrennen. Der so freigelegte blanke Hochmoorboden ist weitgehend steril und enthält kaum Nährstoffe.

Die weitere Bodenoptimierung umfasste Schritte wie kontrollierte Bodenverdichtung durch Walzen, Einbringen von reinen Mineraldüngern wie Calcium, Kalium, Phosphat (z.B. Ca-Phosphat in Form von Thomasmehl).

Stark empfohlen wurde vor hundert Jahren schon die Zufuhr von organischem Dünger in Form von Stallmist und Kompost, um das notwendige mikrobielle Bodenleben anzukurbeln und die damals schon bekannte Humuszehrung im Boden auszugleichen. Auch Gründüngung mit Leguminosen war ein Mittel der Wahl. Das funktionierte aber nur vernünftig, wenn gleichzeitig eine Saat- oder Bodenimpfung mit stickstofffixierenden Knöllchenbakterien erfolgte.

Die Hochmoorkultur in der Praxis

Da sich solch frische Kunstböden aber noch nicht in einem biologisch-chemisch-physikalischen Gleichgewicht befanden, konnten über lange Jahre starke Ertragsschwankungen und Ernteeinbußen auftreten.

In der Praxis zeigte sich zunehmend, dass eine wirtschaftlich tragfähige agrarische Nutzung von Hochmoorflächen für einen einfachen Landwirt zu kompliziert und nicht so ohne Weiteres zu leisten war. Weiterhin wurde durch die Fortschritte der Bodenkunde und intensivere Agrarkultur u.a. mittels künstlicher Stickstoff-Düngung (z.B. Nitrophoska Ende der 1920er-Jahre) auf "normalen" Böden die Ertragsleistung so gesteigert, dass die weitere Erschließung von Ödlandflächen in Friedenszeiten in großem Stile nicht mehr nötig war, um den steigenden Bedarf an Agrarprodukten zu decken.

Die Moorkulturanstalt in der ursprünglichen Form wurde daher in den 1930er-Jahren aufgelöst.

Die Ödlandkultivierung von noch bestehenden ursprünglichen Moorflächen wurde in Deutschland sofort wieder aufgenommen, als nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland große Flüchtlingsströme eintrafen und damit schlagartig ein hoher Bedarf an Siedlungsflächen und "Betätigungsfeldern" entstand.

Auch in Bayern wurden bis dahin brache Moorflächen in Nutzung genommen, z.B. ca. 1 km² Fläche in den Chiemseemooren für das heutige "Neuseeland" westlich von Übersee.

Und neue Flüchtlingswellen sind ja heute auch schon wieder auf dem Marsch zu uns, einschlägige Erfahrungen wären also vorhanden.

Moorlandwirtschaft heute

Viele der seinerzeit kultivierten Flächen zwischen Bernau und Übersee werden heute noch bewirtschaftet. Vor noch nicht allzu langer Zeit waren z.B. die Moorkartoffeln der JVA Bernau sehr geschätzt.

Heute breiten sich neben ausgedehntem Grünland immer mehr Bereiche mit "Energiepflanzen" wie Mais oder sog. Kurzumtriebsplantagen für Hackschnitzelproduktion aus. Ob man es sich angesichts der historischen Erfahrungen im Hinblick auf die Zukunftssicherung letztlich leisten kann, die Landwirtschaft durch überzogene Naturschutzmaßnahmen wie die Totalwiedervernässung von Moorkulturflächen zurückzudrängen, darf bezweifelt werden. Das Problem einer explodierenden globalen Bevölkerungszunahme wird durch den romantischen Ansatz "Wir leben hier von Luft und Liebe und schauen den Vögelchen beim Brüten zu" sicher nicht gelöst werden. Die Antwort auf eine zu intensive Landwirtschaft (nicht nur im Moor) ist extensive Landwirtschaft oder ökologischer Landbau und nicht die komplette Stilllegung durch Wiedervernässung. Genau dafür brauchen wir nicht weniger, sondern mehr Flächen, bzw. deutlich höhere Preise, die dann auch wirklich beim Bauern landen. Dann hätten alle was davon, einschließlich Bienlein, Fink und Star.

Das Ergebnis der Kultivierungsmaßnahmen in den Südlichen Chiemseemooren können interessierte Besucher des Torfbahnhofs Rottau zu Fuß bequem selbst in Augenschein nehmen: Geht man ein paar Schritte links vom Torfbahnhofmuseum durch die Bahnunterführung, so steht man vor den in Grünland umgewandelten ehemaligen Hochmoorflächen mit ihren Entwässerungskanälen sowie einer Außenstelle der JVA Bernau. Die heutige JVA Bernau, das ehemalige Moorgefängnis, ist mit ihren landwirtschaftlichen Aktivitäten die einzige heute noch genutzte Einrichtung aus der Zeit der Urbarmachung der Südlichen Chiemseemoore.

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