Ein Moor renaturiert sich selbst

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Das Ende der klassischen Moornutzung

Die Intensität des Torfabbaus in den Filzen schwankte je nach Wirtschafts- und Bedarfslage deutlich. In den 1960er-Jahren kam der staatliche Torfabbau sogar komplett zum Erliegen. So wurden im Lauf der Zeit immer weitere Flächen in der Kendlmühlfilzen und Rottauer Filzen sich selbst überlassen, sodass sich die Natur den trockeneren Verhältnissen anpassen und ohne weiteres Zutun regenerieren konnte. Es bildeten sich intakte und artenreiche Lebensgemeinschaften von Flora und Fauna mit hohem ökologischem Wert heraus.

Nun gab es in den 1970er-Jahren nochmals einen Anlauf, den Torfabbau im Nordteil der Kendlmühlfilzen auf privater Basis zu reaktivieren. Ziel war die oberflächliche Frästorfgewinnung auf 2 km² Fläche als Grundlage für Pflanzsubstrate (vulgo Blumenerde) durch die Fa. Samen-Maier.

Der Abbau des Torfs durch die Fa. Samen-Maier war aber bereits mit großen Auflagen hinsichtlich einer späteren Renaturierung der abgeräumten Moorflächen verknüpft:

  • Es durfte nur eine Torf-Schicht von 1 m Mächtigkeit abgetragen werden. Der größere Teil des Torfvorkommens (Mächtigkeit mehrere Meter) wurde also nicht entnommen.
  • Die zu bearbeitende Moorfläche sollte fortschreitend streifenweise bearbeitet werden. Eine Voraussetzung für den maschinellen Frästorfabbau war die Planierung des Geländes. Die belebte Vegetationsdeckschicht der zu bearbeitenden Moorflächen wurde in Form großflächiger Sodenstücke abgezogen und für die spätere Renaturierung zwischengelagert. Der bereits über die früheren Jahrzehnte wieder aufgekommene Baumbewuchs wurde einschließlich der Wurzelstöcke entfernt.
  • Nach Abschluss der Torfentnahme sollten die jeweiligen Teilflächen renaturiert werden. Die zu Beginn der Arbeiten abgezogene Vegetationsschicht wird dabei inselartig auf die abgetorften Abbauflächen gelegt. Dadurch werden die Einwanderungsentfernungen für die ortstypischen Pflanzenarten auf diesen offenen Flächen kurz gehalten und die Schließung der Vegetationsdecke wird deutlich beschleunigt.

Wenn man Mutter Natur nur ließe

Die Aktivitäten der Fa. Samen-Maier in den 1980er-Jahren kollidierten trotz aller Auflagen mit dem bei verschiedenen Interessensgruppen aufkeimenden Radikal-Naturschutzgedanken. Dieser Konflikt nahm in der Kendlmühlfilzen zeitweise durchaus handgreifliche Züge von Seiten der Naturschützer an, die auch vor Sachbeschädigung an den Fahrzeugen und Abbauanlagen der Fa. Samen-Maier nicht zurückschreckten.

Ähnlich wie heute wurden diese Vorgänge auch damals schon von einer speziellen Aktivisten-Fraktion gerne zur "Gewalt gegen Sachen" zur angeblichen Verteidigung höherer Werte hochstilisiert und nicht als simpler Vandalismus bezeichnet. Letztlich führte die Verschiebung des politischen Klimas zur Beendigung des Torfabbaus und Ausweisung ausgedehnter Naturschutzgebiete in den Chiemseemooren.

Bis dahin wurde nur eine vergleichsweise kleine Fläche tatsächlich bearbeitet (0,3 km²). Der Rest der Flächen mit Heidemoor und Baumbewuchs mit ihren funktionierenden Lebensgemeinschaften von Flora und Fauna blieben bis dahin unangetastet. Und selbst die vegetationsfreien ehemaligen Fräsflächen des Torfabbaus durch die Fa. Samen-Maier haben vogelschützerische Vorteile: Sie sind Voraussetzung für die Ansiedlung spezieller Vogelpopulationen (wie z.B. dem "Weißsternigen Blaukehlchen").

In anderen Naturschutzgebieten werden Moorflächen sogar vom "falschen", sprich natürlich angeflogenen Bewuchs, wieder freigefräst, damit sich das Vögelchen auch wohlfühlt! Wenn zwei das Gleiche tun, ist es wieder einmal noch lang nicht dasselbe.

Viele Ortsansässige berichten übereinstimmend, dass vor den 1990er-Jahren weite Flächen der Chiemsee-Filzen keineswegs kahl und steril waren. Bereits damals fanden sich ausgedehnte Bestände moortypischer Bäume wie Birke, Schwarzerle, Fichte und Kiefer. Andere Bereiche hatten sich zu einem Heidemoor umgeformt. Der Sonnentau machte sich in kürzester Zeit auf frischen Torfstichflächen breit und gedieh prächtig. Beeren und Pilze waren reichlich zu finden.

Eine reiche Vogelwelt erfreute das Herz und auch das niedere Getier wie Insekten sowie Amphibien, wie Kreuzottern und Ringelnattern, tummelten sich zahlreich im Gelände. Sogar der in der Roten Liste aufgeführte Wiedehopf war mit einer ausgesprochen umfangreichen Population vertreten.

Im Südteil der Filzen fanden sich auch noch komplett unbearbeitete Moorflächen. Die Tierwelt war aufgrund der unterschiedlichen Ausprägungen der verschiedenen Biotope ausgesprochen vielfältig, neudeutsch "artenreich".

Es war eine interessante und liebenswerte Landschaft, auch wenn es im strengen Sinne über weite Strecken kein klassisches Hochmoor auf der Basis von Torfmoos war. So herrschte nach der Einstellung des Torfabbaus eigentlich ein allgemeiner Frieden in den Filzen.

Falsche und richtige Natur

Dieser Friede im Moor herrschte aber genau nur solange, bis der "behördlich verordnete" Naturschutz unserer Mutter Natur und dem Rest der Bevölkerung zeigen wollte, wo es langgeht. Und es sind auch wieder die Alteingesessenen im Achental, die übereinstimmend feststellen, dass infolgedessen von der ehemaligen Pracht heute recht wenig übrig geblieben ist, trotz gegenteiliger Beteuerungen durch die zuständigen Instanzen mit ihren Schautafeln etc.

Rote Liste hin oder her

Geholfen hat sie auch dem Wiedehopf nicht, er musste wieder verschwinden. Die Chiemsee-Wasservogel-Naturschutz-Lobby hat offensichtlich andere Pläne und macht mit der übertriebenen Wiedervernässung nicht viel Federlesens. Aber der Normalbürger wird gesteinigt, wenn er auch nur einen Regenwurm schief anschaut.

Ähnlich wie die Moorkultivierung vor mehr als hundert Jahren nahm nun auch die moderne Moor-Radikalrenaturierung ihren Ausgang in moorreichen Norddeutschland.

In den 1970er- und 1980er-Jahren wurde vor allem in Norddeutschland die großflächige Beseitigung bestehender Vegetation in den angeblich falsch aufgebauten ehemaligen Mooren als Startritual für den "wahren Naturschutz" angedacht. Sogar das in früheren Zeiten als Vorbereitung einer Moorkultur praktizierte Moorbrennen, sprich das großflächige Abfackeln der "falschen" Vegetation, war wieder im Gespräch.

Man hat aber noch rechtzeitig kapiert, dass das irgendwie mit dem Image vom "lieben" Naturschutz kollidiert und zog es nun vor, die Naturzerstörung etwas unauffälliger durch die Totalwiedervernässung großer Flächen umzusetzen. Und in Bayern wird das alles simpel nachgekocht. Dabei wird offensichtlich ignoriert, dass die Niederschlagsmenge hier in den Chiemseemooren doppelt so groß ist wie in Norddeutschland. Weiterhin verläuft der Torfbildungsprozess wegen des südlicheren Klima deutlich anders, sodass die norddeutsche Mode der „Wiedervernässung“ bei unseren Verhältnissen mit äußerster Vorsicht zu genießen ist.

Einen eigenen Weg zu finden, in den Filzen die bereits vorhandenen Biotope wie z.B. Moorwälder mit wesentlich geringeren Eingriffen naturnäher unter Berücksichtigung des heraufziehenden Klimawandels sowie unserer lokalen Verhältnisse kurzfristig erfolgreicher umzugestalten, ist die Sache des lokalen Naturschutzes nicht. Mit intelligenteren Lösungen auch ökologisch verträglich die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung zu berücksichtigen schon zweimal nicht. Lokaler Hochwasserschutz, Optimierung des lokalen Klimas, ökologische Verknüpfung mit nachhaltigen Nutzungsformen in Sachen Forst, Freizeit und ökologischer Landbau werden, wenn überhaupt, nur formal behandelt.

Was zeichnet eigentlich diese "richtige" = behördlich genehmigte Natur aus, die da über die Leichen der Spontanrenaturierung hinweg installiert werden soll? Was ist an einem Hochmoor von vornherein besser als einem Waldmoor oder an anderen interessanten Landschaftsformen?

Warum müssen zur Renaturierung von ehemals 0,3 km² Torfabbaufläche anderweitig mehrere Quadratkilometer intakter und artenreicher Biotope unter Wasser gesetzt und damit zerstört werden? Geht es mit der Wiedervernässung vielleicht mehr um ein Machtritual? Der Öko-Dackel hebt das Bein und markiert sein Terrain in der Landschaft.

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